Silje Nergaard mit der Elfenstimme
Schlafwandlerisch
Die norwegische Jazz-Sängerin Silje Nergaard war am Samstagabend im franz.K
Manche Künstlerinnen und Künstler erfinden sich alle paar Jahre neu. Dabei kam oft Schönes raus und auch viel Schrott. Andere sind und bleiben, wer sie sind. Zu denen gehört Silje Nergaard. Die 59-jährige norwegische Jazz-Soul-Folk-Pop-Sängerin ist auf Wintertour durch gemütlichere europäische Locations und stoppte am Samstagabend im franz.K.
Mitgebracht hat sie neben ihrer unverwechselbaren Markenzeichen-Stimme auch ein neues Album. »Tomorrow we’ll figure out the rest« heißt es. Der Name hat was mit dem Foto zu tun, das vorne auf der Schallplatte ist. Sie hielt die Platte hoch, um dem Publikum davon zu erzählen: Es zeigt ihre Eltern als junge Leute, mit Mandoline und Akkordeon gemeinsam musizierend vor einer norwegischen Holzhütte. Glück, Leichtigkeit – und auch die innere Freiheit, sich nicht um alles sorgen, nicht alles im Detail planen zu müssen.
Viele Titel der neuen Platte
Silje Nergaard will zeigen und spürbar machen, was sie geprägt hat und wofür sie dankbar ist. Dafür sang sie am Samstag große Teile des neuen Albums. Sie startete den Abend superpünktlich um 20.01 Uhr allein am Flügel sitzend mit dem einzigen norwegischen Titel der neuen Platte. Ein intimer Moment, der binnen Sekunden alle in den Bann zog.
Ab dann war die Sängerin umgeben von drei Herren im dunklen Jackett, die alles dafür taten, die elfenhafte Stimme strahlen zu lassen: Bassist Finn Guttormsen, dessen Background-Vocals perfekterweise oft nur zu ahnen waren, Helge Lien virtuos am Flügel und Jarle Vespestad hinter dem mal mit Besen getupften, mal Pointen setzenden Schlagzeug. Allesamt selbst international bekannte Jazz-Musiker und seit über 20 Jahren mit Nergaard unterwegs. Nichts, was man ändern sollte.
Schlafwandlerisch durch Melodien
Unverändert ist auch die so reine, klare, auffällig gerade gesungene Stimme Nergaards. Mit der sie schlafwandlerisch durch Melodien schwebt und absolut jeden Ton perfekt trifft, auch die hohen und die gehauchten. Eine Stimme, die bei Menschen Ähnliches bewirken kann wie ein Kaminfeuer. Wärmend, erleuchtend, immer gleich und immer anders. Man kann sich drin verlieren und leicht abdriften. So ins Hör-Genießen versunken, lauschten die Gäste am Samstagabend den neuen Songs und vergaßen nicht, zwischendurch bei den gelungenen Solo-Partien zu applaudieren.
Die zweite Hälfte des Abends war weniger Entdecken und mehr Wiederhörensfreude. Ihr ältester Hit »Tell me where you’re going« von 1990 war dabei und natürlich »Be still«. Bei »Dance me love« in langen Soli blühte das Jazz-Können der Vier auf der Bühne so richtig auf.
Einfach nur lauschen
Der erste Bühnen-Abgang um 21.12 Uhr war ein bisschen, als würde man die Bettdecke weggezogen bekommen. Zugaben brachten Linderung und neue Klangmalereien: »Japanese Blue« sorgte für Standing Ovations. Dann stimmte Nergaard die norwegische Version von »Stille Nacht« an. Um sich anschließend vom Publikum das Ganze auf Deutsch vorsingen zu lassen. Zuletzt war die Sängerin es, die andächtig lauschte. Ein Abend, bei dem die wenigsten ans Morgen gedacht haben dürften.
Veröffentlicht wurde der Text am 15. Dezember 2025 im Reutlinger General-Anzeiger (Paywall).