Urban Priol und der brabbelnde Dorfpöbler

Fachkräftemangel in der Politik

Für politisch denkende Menschen ist die Wirklichkeit kaum noch zu ertragen. Wie tief kann Niveau sinken? Wie unterkomplex kann man mit den großen Fragen dieser Zeit umgehen? Was für Idioten treffen die gefährlichen Entscheidungen? Zuflucht bot am Samstag das Tübinger Sudhaus: Dort gastierte Urban Priol. Vor einem ausverkauften Saal rückte er so manches zurecht.

Priol ist eine Kabarett-Fachkraft, wie man sie heute nur noch selten trifft. 64 ist der ewige Weißbiertrinker mit seiner Markenzeichen-Frisur und dem drolligen mainländisch-südhessisch-ostfränkischen Dialekt aus Aschaffenburg. Nach knapp drei Stunden verlässt man den Saal einigermaßen leergelacht. Und mit einem tröstlichen Wir-Gefühl: Es gibt noch andere, die den ganzen Irrsinn derzeit ähnlich erleben und überleben wie man selbst.

Wurst-Case-Szenario

Seine Monologe mäandern kurzweilig durch Themen und Pointen. Katherina Reiche habe Heizungskellern wieder Freiheit verschafft, nur leider keine Freiheit vor steigenden Öl- und Gaspreisen. Die AfD plakatiere nur noch »Bürokräfte gesucht«. Er spricht über Jens Spahn, »Frankensteins Gesellenstück«. Über Maggus Söder und dessen Wurst-Case-Szenario mit den Mini-Atomreaktoren aus Kanada, nur dass es die in Kanada gar nicht gibt. Und über Friedrich Merz, den »Außenkanzler. Hauptsache weit weg vom Volk«. Dessen Populisten-Tourette erinnere ihn an Alfred Tetzlaff, »dem fehlte auch jegliche Impulskontrolle«. Seine Diagnose: Fachkräftemangel gerade auch in der Politik.

Er bleibt nicht in Berlin. Auch zu Donald Trump im Evil Office hat er einiges zu sagen. Über dessen pfälzische Großeltern (»da kann man mal sehen, welch verheerende Folgen Migration für ein Land haben kann«) und über Trumps »ständigen Enddarm-Bewohner« Gianni Infantino, den Fifa-Boss. Und nicht zuletzt hat sich Priol extra aufs schwäbische Publikum und dessen Wahltermin vorbereitet. Manuel Hagel? KI-generiert. Bis vor einer Woche habe den keiner gekannt, »und seit man ihn kennt, geht‘s bergab«.

Gut für die Haltung

Immer wieder gibt’s Szenenapplaus für seine politischen Lösungen: Kanada in die EU aufnehmen, dafür Ungarn raus! Und die ganzen Schmarotzer wie Meta, Amazon und Google endlich mal ordentlich besteuern! Indem er alle paar Minuten einen brabbelnden Dorfpöbler über die Bühne maulen lässt, Vox Populi auf Mainhessisch mit deutlichem Hang zum AfD-Wähler, konstruiert er beliebige Steilvorlagen. Wirklich gut gemacht, das Ganze. Und gut für die Haltung. Man verlässt den Saal ein bisschen aufrechter – wie nach der Physio, wenn sie gut war.

Veröffentlicht wurde der Text am 10. März 2026 im Reutlinger General-Anzeiger (Paywall).

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