Mit Ulrich Tukur unterwegs gen Süden

Ein inneres Italien

Eine Art Gruppenreise: Ulrich Tukur nahm das Publikum mit in sein Venedig

Es ist grau draußen, so grau, dass es fast wehtut. Nass und kalt sowieso. Man würde dem allzu gern entfliehen. Am Freitagabend war das einfach: Ulrich Tukur hatte sich angekündigt mit einem Programm namens „Eine Nacht in Venedig“. Der Mozartsaal der Liederhalle war ausverkauft. Etwa 100 Minuten lang war drinnen alles anders als draußen. Denn Tukur las, plauderte, sang. Vom Süden, von Liebe, vom Sterben, von Freundschaft und Milchschaum. 100 Minuten, in denen der graue Schwabenwinter seine Macht verlor und die Erdenschwere vielleicht auch.

Denn er hat schon ein Luxusproblem, dieser Herr Tukur: mehr Talente, als in einem einzelnen Leben Platz finden. Das Schreiben läuft nebenbei. Schließlich ist er vor allem Schauspieler und Musiker, jeweils von der begnadeten Sorte. Seine Lust am Fabulieren, die farbenfrohen Szenen, die vielen Zwischentöne seiner Geschichten würden nochmal eine Karriere hergeben. „So wahr es eine Stadt gibt, die wie eine losgerissene Blüte im Meer treibt, so wahr hat sich auch alles abgespielt. So oder so ähnlich.“

Der Liebe wegen hingezogen

Etwa zwei Jahrzehnte lang wohnten Tukur und seine Frau in Venedig, auf der Insel La Giudecca. Die Insel der Muschelfischer und Kommunisten. Hingezogen der Liebe wegen – ein Beziehungsrettungsversuch, er glückte. Die Wohnung mit dem weiten Blick über den Kanal ist dem Paar quasi zugelaufen. Tukur bekam sie von einem wildfremden Makler, in dessen Büro er ein Gemälde seines Großvaters Richard Scheurlen entdeckte. Der hatte lang auf Sardinien gelebt und gemalt.

Vieles in Tukurs Leben scheint sich so phantastisch hinzumäandern. Die Theaterkarriere, in Schwung gekommen dank Peter Zadek. Die Liebe zur deutlich jüngeren Fotografin, sie hält bis heute, von ihr stammen die hinten eingeblendeten Aufnahmen von Venedig.

Surreal, ausschweifend, herzerwärmend

Fast surreal die Geschichte über ein italenisches Chanson, das exakt jene Szene beschreibt, die auf einem kleinen Spitzweg-Bild zu sehen ist. Ein Spitzweg-Bild, das im Besitz von Tukurs Familie war, es wurde nie öffentlich gezeigt. Tukur telefonierte herum, bis klar war: Der Komponist hat das Bild tatsächlich gekannt.

Komplett surreal dann die Geschichte eines Gelages mit Wodka, Krimsekt, Kaviar. Dort sitzt Tukur einem Kind gegenüber, das sich erst über die Maßen vollstopft – und sich dann über die Maßen übergibt. Fasziniert und akribisch beschreibt Tukur die Fontänen, die Aufräumarbeiten und wie sein besudelter Anzug roch.

Auf Wellen davongetragen

Das Publikum hatte keine Zeit, sich klarzuwerden, wieviel da fabuliert war. Schließlich wollte noch die Lebensgeschichte jener über 90-jährigen Nachbarin erzählt werden. Ihr Lächeln auf einem Foto wärmte die Herzen in Stuttgart vollends. Gelegentlich griff Tukur zum Akkordeon und sang ein bisschen, vielleicht weil Italienisch gesungen noch schöner klingt.

Ein Abend unter Freunden. Vom ersten Moment an schwamm Tukur auf einer sanften Welle der Sympathie. Bis zur letzten Minute hielt er seine Gäste in seinen Händen und trug sie: weit weg aus dem grauen Stuttgart und bis in sein inneres Italien.

Veröffentlicht wurde der Text am 23. Februar 2026 im Reutlinger General-Anzeiger (Paywall).