Selig rocken im Reutlinger Echaz-Hafen
Habt ihr noch Feuerzeuge?
„Guck mal, der schwarze Block da vorne“, sagt die Begleiterin grinsend und zeigt gen Bühne. Njaaa. Es ist mehr so ein silbergrauer Block, von oben her betrachtet, der sich da in den vordersten Reihen tummelt. Wobei man sich bei der Shirtfarbe gut abgesprochen zu haben scheint. Eine Menge alter Selig-Tour-Shirts erkennt Jan Plewka später von der Bühne aus und freut sich.
Insgesamt freut sich der wortgewandte Sänger und Schauspieler echt häufig, extrem wortreich und dafür erstaunlich glaubhaft am schönen gemeinsamen Abend. Es scheint für ihn und die Seinen legales Doping zu sein, Musik zu teilen mit den rund 650 Gästen. So viele sind aufs entspannte Echaz-Hafen-Gelände beim franz.K gekommen und genießen den Sommerabend.
Hauptsache laut und direkt ins Bein
In den 90ern galten die Hamburger Jungs von Selig als deutsche Antwort auf Nirvana (haben sich aber besser gehalten). Indie oder Grunge, Scheiß auf Schubladen, Hauptsache laut, direkt, in die Beine und ins Herz. Und das geht heute immer noch, daran ist ab dem ersten Gitarrenriff kein Zweifel mehr möglich.
Schlag neun Uhr dröhnen die ersten tanzbaren Töne von der Bühne. Um 22.57 Uhr verklingt der letzte große Applaus nach der dritten Zugabe. Dazwischen Musik aus 30 Jahren Bandgeschichte, ach ja, diese Jubiläumstour daure nun auch schon drei Jahre, sagt Plewka. Wobei es ja Ende der 1990er mal eine Trennung und zehn Jahre Pause gab. Also sei es im Prinzip erst das 20-Jährige, das klinge doch gleich bisschen jünger! Von ursprünglich fünf Gründungsmitgliedern sind heute noch vier dabei: Neben Plewka sind das Stephan Eggert (Schlagzeug), Christian Neander (Gitarre) und Lenard Schmidthals (Bass).
Yeah hin, yeah her
Um sich alt zu fühlen, ist an dem Abend eh keiner da. „Seid ihr heiß? Seid ihr high? Seid ihr laut?“ Laut sind sie, die größtenteils Ü-50-Fans, und „yeah“-en brav zurück, sooft Plewka sie anheizt. Aber gemäßigt ist man doch auch. Während Plewka vorne herumturnt, als gäb’s Geld dafür, halten die Fans den Ball meist flacher. Mal hüpft man kurz mit, mal werden die Haare geschüttelt, mal gehen ein paar Arme in die Höhe (nur nicht zu lange, sonst schimpft nächste Woche der Physio).
Dass deutsche Texte immer als heikle Sache gelten, ist bei Selig irgendwie kein Thema. Viele singen den ganzen Abend mit. Manch einer scheint noch regelmäßig auf der Luftgitarre zu üben. Und irgendein Körperteil wippt eigentlich immer. Dafür sorgt tatsächlich diese Musik, „tanzbare traurige Lieder“ sind laut Plewka schließlich das Markenzeichen von Selig.
Gegen Einsamkeit und gegen Handysucht
„Wir haben euch den räudigsten Sound vom Kiez mitgebracht“, schnauzt Plewka begeistert von der Bühne runter und besingt hingebungsvoll den „Arsch einer Göttin“. Er singt auch die allerältesten Songs der Band, er singt Lieder gegen Einsamkeit und gegen Handysucht. Gut abgehangene Songs werden gemixt mit dem Material der jüngeren Jahrzehnte. Radio-Mitsing-Hits gibt es als Zugaben.
Der vielleicht beste Moment: Plewka schwelgt im Analogen. „Es ist irre, keiner hat hier ein Handy an. Ihr wisst noch, wie man feiert ohne Digitalismus!“ Nebenbei ein paar Ratschläge fürs Leben: Man möge doch bitte öfter mal versuchen, das Handy wegzulassen, während man mit den eigenen Kindern zusammensei. „Sonst bist du ja nicht da!“ Kurz davor gab es auch schon Plewka-Lebensberatung: „Gründet Bands! Kommt zusammen und spielt alles Üble gegen die Wand!“
Nach seinem Handy-Weglass-Appell fragt er in die Runde: „Habt ihr noch Feuerzeuge?“ Tatsächlich, vier, nein fünf, nein sechs kleine Flammen gehen an. Und höchstens eine Handvoll Menschen zieht spontan das Handy aus der Tasche, um schnell ein paar Erinnerungsfotos davon zu machen.
Veröffentlicht wurde der Text am 3. August 2026 im Reutlinger General-Anzeiger.