Lesestoff

Alice Schwarzer liest vor

Übers politisch Korrekte hinaus

Mit Alice Schwarzer unterwegs in Algerien

Eine Grande Dame der deutschen Frauenbewegung ist sie zweifellos, inzwischen 75 Jahre alt, und ihre Themen werden weicher: Alice Schwarzer hat ein Buch veröffentlicht über ihre Freundschaft zur Großfamilie einer algerischen Journalistin. „Meine algerische Familie“ heißt es. Und wer sich an der politischen Korrektheit dieses Possessivpronomens aufhalten mag, der hätte am Donnerstag in Tübingen noch manchen Grund zum Grollen gefunden. Wäre aber Außenseiter geblieben: Die über 250 Zuhörenden im Museum, fast alles Frauen, begegneten Schwarzer als einer langjährigen Wegbegleiterin, spürbar freundschaftlich-entspannt.

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  • 25. November 2018

Roger Hodgson tut es immer noch

Super: Supertramp ohne Supertramp

Roger Hodgson genoss seine alten Hits in der Liederhalle

Die große Abschiedstournee ist gerade mal 35 Jahre her: Anno 1983 nahm Roger Hodgson seinen Hut. Der Brite verabschiedete sich von jener Band, die er mit gegründet hatte, der er Hits geschrieben hatte, deren penetrant-unverwechselbare Stimme er gewesen war: Supertramp. Damals Weltstars.

1983: Manche Musikhörer-Generationen erinnern sich noch an die Zeit, in der Musik in Vinyl gepresst nach Hause geholt wurde, wo man die Nadel des Plattenspielers beim ersten Hören trotz Aufregung sacht aufzusetzen versuchte und nach ein paar Liedern umdrehen musste. Alben hörte man damals noch am Stück. Mehrfach. Diese Vinyl-Erinnerer-Generationen (und wohl viele Auf-CD-Nochmalkäufer) waren es, die am Donnerstag den Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle nahezu komplett füllten, rund 2100 alte Freunde, die sich spürbar auf einen Abend mit dem 68-Jährigen freuten.

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  • 9. September 2018

Sommernacht mit Sting und Shaggy

Englishman und Jamaicaman

Altmeister Sting und Reggaeman Shaggy spielten ein Open-Air-Konzert im Schloss Salem

Oh wie schön – Altmeister Sting spielt im Sommer ein Open Air. Oh Gott, aber mit Shaggy? Das ist der, der in den 1990ern banal-obszöne Ohrwürmer wie „Boombastic“ und „Oh Carolina“ verbrochen hat – igitt, sofort das Radio ausschalten! Sein Künstlername leitet sich von einem Gossenwort für Sex her. Seine Songs klingen alle ähnlich, nach maximal nervigem Pop-Reggae. Der Volksmund weiß: „Was sagt der Reggae-Fan, wenn die Wirkung seiner letzten Tüte nachlässt? – Mach doch jemand mal die Scheiß-Musik aus!“

Also gut. Schloss Salem im Bodenseekreis ist eine Bilderbuch-Kulisse, der Sommerabend wolkenlos und zusehends pastellfarben, das Konzert am Montag komplett ausverkauft, und auf dem Gelände riecht es eher nach Fritteuse und Grill als nach süßlichem Rauch. „Lass dich drauf ein“, haben sie gesagt. „Das neue gemeinsame Album ist erstaunlich gut, du wirst Spaß haben“, haben sie gesagt. Na, dann wollmer mal.

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  • 26. Juli 2018

Katrin Bauerfeind über die Liebe

Heimgehen, Mama anrufen!

Katrin Bauerfeind knöpft sich die Liebe vor

Fernsehgesicht sein. Ist das eigentlich ein richtiger Beruf? Und was, wenn man jung schon zum Fernsehgesicht wurde, muss man es 50 Jahre bleiben? Katrin Bauerfeind ist so ein Fall. Die kennt man, die gehörte Jahre zur Harald-Schmidt-Show, die hatte zig eigene Sendungen und Talk-Formate, seitdem sie Mitte der 2000er als Studentin mit „Ehrensenf“ bekannt wurde und einen Grimmepreis bekam. Jetzt ist die Schwäbin aus Aalen mit der markant tiefen Stimme und der dreckigen Lache gerade 35, und es wird stiller um sie. Da muss man doch was tun!

Bauerfeind schrieb ein Buch, „Alles kann. Liebe muss“, und weil sie zum reinen Vorlesen nicht taugt, ist sie jetzt mit „Liebe. Die Tour zum Gefühl“ durch deutsche Hallen unterwegs. Am Pfingstsamstag war sie im Stuttgarter Theaterhaus und verbuchte das, sofort begeistert drauflosschwäbelnd, als Heimspiel. Durchaus zu Recht.

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  • 22. Mai 2018

Headhunter in Metzgerei

Beim Personal geht’s um die Wurst

Metzgereien im Schwabenland kämpfen fast mit Wildwestmethoden um gute Leute

Neulich beim Metzger: „Ein Leberkäs-Weckle, bitte.“ Der Kunde zahlt, lächelt nett und isst am Stehtisch der Metzgerei. Hinterher kommt er erneut zur Theke und spricht eine der Fleischerei-Fachverkäuferinnen leise an: „Ich habe Sie beobachtet. Sie machen das sehr gut. Rufen Sie mich nach Feierabend mal an, ich kann Ihnen ein gutes Angebot machen.“ Er schiebt eine Visitenkarte über die Theke und geht. So oder so ähnlich spielt es sich auch an den Wursttheken der Region ab, wie erboste Metzger klagen, die inzwischen Angst haben müssen um die wenigen Fachkräfte, die es in der Branche noch gibt.

Headhunting ist nichts Neues. Eine ganze Branche ist darauf spezialisiert, freie Stellen zu besetzen. Im Auftrag von Unternehmen suchen Headhunter den richtigen Geschäftsführer, Fachingenieur oder Abteilungsleiter und werben ihn dort ab, wo er bislang angestellt ist. Je höher die Gehälter, desto mehr Geld fließt, und Geld entscheidet auch so manchen Loyalitätskonflikt. Mittlerweile ist diese Jagd nach guten Köpfen auch in schwäbischen Metzgereien angekommen.

Den Artikel weiterlesen in der Schwäbischen Zeitung vom 18. April 2018.

Eine kürzere Fassung ist im Reutlinger General-Anzeiger vom 3. Mai 2018 (Paywall).

  • 19. April 2018

Muttergottes in Oberbayern

Eine Verabredung mit Maria

Hunderte Gläubige haben am Samstag im oberbayerischen Unterflossing auf die Muttergottes gewartet

Samstagmittag halb zwei in Unterflossing. Die ersten sind schon da, haben es auf die Parkplätze mit dem kürzesten Fußweg abgesehen. „Es kommen halt viele alte Leute, die nicht weit laufen können“, erklärt eine rotbackige Frau und berührt den Arm der Reporterin. „Kommen Sie auch? Ja? Das ist schön.“

Sie haben Klappstühle, Rucksäcke und Blumen dabei. Sie schlüpfen in Extra-Wollsocken und Moonboots, sie zwängen sich, an den Kotflügel gelehnt, samt Cordhose in die Skihose. Der Wind pfeift eisig an diesem Nachmittag in Unterflossing, jenem oberbayerischen Örtchen mit etwa hundert Seelen und einer Kapelle, die sich neuerdings als überregionaler Treffpunkt für Mariengläubige etabliert.

Den Artikel weiterlesen in der Schwäbischen Zeitung vom 19. März 2018.
Eine kürzere Fassung ist in der Augsburger Allgemeinen vom 19. März 2018.

  • 19. März 2018

Ewige Achtziger bei Toto

Einmal „Africa“ zum Mitsingen, bitte

Die Band Toto feiert ihr 40-jähriges Bestehen mit einem neuen Album, einer Welttournee und treuen Fans

Wer in nächster Zeit ein Fest plant und die Feiernden untertags in zwei Gruppen aufteilen will, sei es für eine Besichtigung oder ein Ballspiel, dem sei die Band Toto empfohlen. Wenige Takte genügen vollauf, um die Anwesenden sauber zu halbieren. Eine Hälfte wird fluchend fliehen. Nennen wir dieses Team der Einfachheit halber „Iiih, hör auf mit dem Achtzigerscheiß“. Die andere Hälfte bleibt und verlangt verzückt mehr. Zuerst das percussiongetragen tröpfelnde „Africa“, das wohl jeder mal als A-cappella-Version eines sich für progressiv haltenden Chors gehört hat. Dann das dank Gitarrenriff in drei Sekunden identifizierbare „Hold the Line“. Oder „Rosanna“ mit dem vertrackten Rhythmuswechsel. Und natürlich das optimistische „Stop loving you“. Ja, genau so klangen die Achtziger. Und der Dienstagabend in Stuttgart auch.

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  • 15. März 2018

Helene Fischers große Materialschlacht

Der perfekte Zirkus

Helene Fischer überschüttete die Schleyerhalle rund drei Stunden mit inszenierter Musik

Neulich hat sich mal einer die Mühe gemacht, alle Rekorde aufzulisten, die der Deutschen herzallerliebste Helene inzwischen hält. Einer fehlte: Frau Fischer ist die Erste, die es je schaffte, dass die Schleyerhalle fünf Abende in Folge ausverkauft ist. Am Dienstag ging es los, der GEA war dabei.

Den Artikel weiterlesen im Reutlinger General-Anzeiger vom 1. Februar 2018

  • 1. Februar 2018

Ein Abend mit der Prenzlschwäbin

Schwabenhass für Anfänger

Bärbel Stolz wurde als Prenzlschwäbin internet-berühmt. Ihr Auftritt in Reutlingen war ausverkauft

Was man als an der Scholle hängender Schwabe über Jahrzehnte nicht mitbekam, hat das Internet zum Allgemeingut gemacht: In Berlin sind Zugezogene aus Südwestdeutschland herzlich unbeliebt. Sie gelten als betulich, besserwisserisch und arg bio. Mancherorts auch als treibende Kraft hinter Gentrifizierung, jener umstrittenen Schick-Sanierung ganzer Viertel, die Alteingesessene mit kleinerem Budget vertreibt. Bärbel Stolz hat als »Die Prenzlschwäbin« in der Reutlinger Stadthalle dem Berliner Schwabenhass ein komödiantisches Denkmal gesetzt.

Den Artikel weiterlesen im Reutlinger General-Anzeiger vom 27. November 2017

  • 30. November 2017

Deutschpop an der Schlagergrenze

Bendzkos Lampenladen

Die Reutlinger Stadthalle war schockverliebt in Tim Bendzko

Es war einmal – ein nettes kleines Popmärchen. Der kleine Tim singt so dermaßen gern, dass er zwischen seinen großen Auftritten auch immer ein paar Mini-Konzerte spielen will. Das tut er quasi in seinem Wohnzimmer, um sich besonders wohlzufühlen. Offizielles Motto: »Mein Wohnzimmer ist dein Wohnzimmer.« Ergo, so weiß es das Märchen, lässt er sich seine eigenen, privaten Wohnmöbel durch die ganze Republik karren. Schon seit Jahren. Auf den mittelgroßen Bühnen dieses Landes werden sie dann flugs aufgebaut, weinrote Retro-Plüsch-Sesselchen und brokatbortige Stehlämpchen. Voll gemütlich!

Den Artikel weiterlesen im Reutlinger General-Anzeiger vom 10. November 2017

  • 10. November 2017
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